Heilige Schriften, tote Buchstaben, lebendiger Glaube

Ein Merkmal der Weisheitslehren einer Hochkultur ist die Warnung an aktuelle und zukünftige Anhänger, NICHT am überlieferten Wort der mutmaßlich heiligen Schriften zu kleben. Wird das überlieferte Wort, das ja auch immer Kind der Zeit seiner Entstehung ist, glorifiziert, verkommen Weisheitslehren schnell zum engstirnigen Dogma toter Buchstaben. Wahrer Glaube muss demnach vor allem als innere Haltung gelebt werden.

Darstellung einer Sequenz aus einer für Millionen Hindus heiligen Schrift – der Bhagavat Gita, hier ein Wandbild in einem indischen Restaurant. Foto: privat

Wer sich an den religiösen Symbolen einer fremden Hochkultur – dazu zählen auch als heilig geltende Schriften – vergreift ist ein Barbar. Doch wirklich beschädigt wird ein Glaube oder eine Philosophie erst dann, wenn in dessen Namen ein solcher Angriff als Anlass zur hasserfüllten Rache benutzt wird. Weiterlesen

[Archiv-Auswahl] Meditation auf einen Papierkorb

Über Yoga Aphorisms of Patanjali – Sure I.19

Meditieren gilt allgemein als effektive Psycho-Hygiene. Meditieren entspannt. Wer meditiert ist im Job leistungsfähiger und bleibt im Konfliktfall länger ruhig. Zur regelmäßigen Meditations­praxis gibt es ein breites Anbieter-Spektrum, etwa Yoga-Kurse in Volks­hochschulen, zen-buddhistische Gruppen und Kampfkunstvereine.

Es lässt sich auf alles Mögliche meditieren, etwa dass nicht nur Lotosblüten aus dem Schlamm herauswachsen, sondern auch ganz normale vom Sturm abgerissene Zweige. Bild: Heinz Knotek

Es lässt sich auf alles Mögliche meditieren, etwa dass nicht nur Lotosblüten aus dem Schlamm herauswachsen, sondern auch ganz normale vom Sturm abgerissene Zweige. Bild: Heinz Knotek

Hinzu kommen zahllose Seminarangebote, die sich mehr oder weniger um die Meditationspraxis drehen. Dem Meditieren umweht eine Aura des Spirituellen – ein großer Irrtum, wie die Yoga-Aphorismen des Patanjali lehren. MEDITATION ist nichts als wertfreie TECHNIK. Man könnte sich beim Meditieren auch auf einen Papierkorb konzentrieren – und die gleichen positiven Effekte erzielen. Spirituelles Meditieren geht ganz anders. Weiterlesen

Kultur der Selbstlosigkeit (The Culture of Altruism)

Selbstlosigkeit oder Altruismus ist eine der ersten Tugenden aller spirituellen Pfade. „Selbst-Losigkeit“ steht dabei für ein Denken und Handeln, das NICHT vom persönlichen Selbst dominiert wird. Das illusorische persönliche „Selbst loszuwerden“ ist ein anstrengender und langwieriger Prozess, der aber zugleich voller Fallstricke ist. Der ernsthaft nach Altruismus Strebende muss sich nicht nur vor Sekten und Kulten in Acht nehmen, die ihm mit Techniken, Einweihungen oder „geistigen Führern“ zum Ich zurück locken.

Almosen geben gilt in vielen Religionen und Kulturkreisen volkstümlich als DER Akt der Selbstlosigkeit. Gemälde von Jacques-Louis David (1748–1825). Abb. gemeinfrei

Die größte Gefahr ist das eigene ICH selbst, das sich sprichwörtlich mit Händen und Füßen dagegen wehrt im Königreich der Selbstbehauptung vom Thron gestoßen – oder zumindest zu einer „konstitutionellen Monarchie“ degradiert – zu werden. Der Sucher hat daher eine Kultur der Selbstlosigkeit zu entwickeln. Weiterlesen

Sinn des Lebens: Buddha sehen und Wissen erwerben

Was ist der Sinn des Lebens? Aus gutem Grund wird der Buddhismus gern als atheistisch deklariert, vor allem von Vertretern jener Religionssysteme, die den Glauben an einen (ihren ganz gruppenspezifischen) anthropomorphen Gott predigen. Buddhisten dagegen empfinden die Aussicht, an einem Tag X in ihrem letzten „Knochensack1“ wiederauferstehen zu müssen eher als Strafe denn als Erlösung.

Chinese Buddhist monks performing a formal ceremony in Hangzhou, Zhejiang Province, China. Photograph: Jon Bragg

Der Buddhist wähnt sich eher als immaterielle Entität, die vorüberge­hend in einem irdischen Gewand im dichten Reich der astralen Materie wandert, das voll ist von schwierigen Verhältnissen und auf Schritt und Tritt leidvolle Schicksalsschläge bereit hält. Dennoch möchte er ausge­rech­net hier gern und auch noch lange leben. Warum? Um Buddha zu sehen (früher oder später), Wissen zu erwerben und innerlich zu wachsen. Weiterlesen

  1. Knochensack: in buddhistischen Schriften gern benutzte respektlose Metapher für die körperliche Persönlichkeit, die im Buddhismus als konditionierte, flüchtige Illusion gesehen wird; also als notwendiges Mittel, nicht aber als Zweck.