Beten auf Buddhistisch: „Tischgebet“

Buddhistische Tisch-Invokation aus dem Avatamsaka-Sutra

Beten kommt von BITTEN. In monotheistischen Religionen, wie dem Christentum und Islam, ist Beten, Bitten und Fürbitten zen­trale Glaubenspraxis. Das alltägliche Beten hat einen sehr persönlichen Charakter. Man wünscht sich meist etwas Persönliches von (s)einem persönlichen Gott. Im Buddhismus ist „Beten“ völlig unpersönlich und eher eine Art allgemeine Invokation, bestehend aus Danksagung, Respektsäußerung und allgemeinem Segenswunsch.

Persönlicher Wunsch am Weihnachtswunschbaum in einer nordhessischen Kleinstadt. (*)

Natürlich haben auch Buddhisten gelegentlich persönliche Wünsche von denen sie die Buddhas insgeheim gebetsartig in Kenntnis setzen. Doch sie wissen dabei sehr genau, dass das eigentlich eine Form von Anhaf­tung ist. Aber bekanntlich sieht man im Buddhismus „kleine Schwächen“ nicht zu eng, denn enges Auslegen von Vorschriften ist schließlich selbst eine Anhaftung. Ein sehr erhabenes die Nahrung spirituell magnetisie­rendes Tischgebet zu den Mahlzeiten findet sich im Avatamsaka-Sutra.

Buddhistische Tisch-Invokation (*)

Wenn Bodhisattvas gute Speisen erhalten nehmen sie nicht alles nur für sich selbst. Vor dem Speisen wollen sie erst mit anderen teilen1 … Beim Essen denken sie folgender­maßen: „In meinem Körper gibt es unzählige Mikroorganismen deren Leben vollständig von mir abhängt. Ist mein Körper gesättigt, dann auch diese Organismen. Leidet mein Körper an Hunger oder Schmerzen, so auch diese kleinen Wesenheiten. „Möge die Nahrung die ich erhalten habe alle Wesen befähigen satt zu werden. Ich selbst nehme die Nahrung zu mir, um sie ohne Gier ihnen zuteil werden zu lassen.“ Außerdem bedenken sie: „Die ganze lange Nacht der Unwissenheit hindurch haftete ich dem Körper an und war begierig nach Befriedigung seiner Bedürfnisse, weswegen ich Speise und Trank zu mir genommen habe. JETZT aber lasse ich die Nahrung den Lebewesen zuteil werden. Möge ich dadurch für immer von Begierde und Anhaftung frei werden“.
(Buch 22: Die Unerschöpflichen Schätze)

Wünsche an das Christkind am Weihnachtswunschbaum. (*)

Englische Übertragung von Thomas Cleary

If (enlightening being) receive fine food, they don’t take it to all to themselves – they want to share it with others, and only then will they eat … When they eat, they think: „There are countless microorgansims in my body whose life depends on me. If my body is satisfied, so are they. If my body is hungry or in pain, so they are. May this food which I now receive enable all beings to be satisfied; I myself eat this in order to distribute it to them, without greed fort he taste.“ They also think, „Throughout the long night of ignorance I have been attached to this body and want to satisfiy it, so I take food and drink. Now I bestow this food on living beings, so that I may forever end covetousness and attachment.“ (Book 22: The Ten Inexhaustible Treasuries)

Quelle: THE FLOWER ORNAMENT SCRIPTURE, A Translation of The Avatamsaka Sutra, by Thomas Cleary, Boston, 1993

(*) Text/deutsche Übersetzung/Bild: Heinz Knotek

  1. Das äußert sich in dem schönen Brauch, zu Beginn einer Mahlzeit eine Schale herumgehen zu lassen, in die die Beteiligten von allen Menüanteilen etwa eine Messerspitze voll abgeben. Nach der Speisung wird das Gesammelte symbolisch für alle fühlenden Wesen zumeist den Vögeln im Freien dargeboten.

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