Deutschland ohne Gemeinsinn?

Schafherden stehen symbolhaft für Menschenmassen | Bild: HEINZ KNOTEK/TrinosophieBlog

Schafherden stehen symbolhaft für Menschenmassen, die still und willig überall mitlaufen, wo ihnen wesenfremde Hirten sie mit ihren Wachhunden hin haben wollen. Im Zweifel zum Scheren, Melken oder Schlachten. Bild: HEINZ KNOTEK/TrinosophieBlog

Was war rückblickend im geteilten Deutschland nach 1945 als typisches Merkmal des Gemeinsinns auszumachen? Erkennbar ist vor allem eine kollektive Arroganz der Überlegenheit. Wird dieses über Jahrzehnte kultivierte Selbstverständnis der Deutschen nun zu ihrem Verhängnis indem sie sich mit zuvor und womöglich extra dafür herbei gelockten Massen in die Selbstaufgabe treiben lassen?

Amerikanischer Wild-West-Kapitalismus vorübergehend mit einem „menschlichen Antlitz“ – der sozialen Marktwirtschaft

Die Eliten in Ost-Deutschland – vornehmlich stalinistisch-sowjetische Kader – versuchten nach 1949 den Menschen in ihrem Einflussbereich zu suggerieren, sie müssten nach dem Ende des Faschismus nun vor allem internationalistisch der Sowjetunion ergeben sein und dem sozialistischen Erlöserideal des Marxismus/Leninismus folgen. Ein Massenexperiment mit 17 Millionen Probanden nahm seinen Lauf.

Die Eliten West-Deutschlands der Zeit – vornehmlich von US-Geheimdiensten auf ihre Nützlichkeit hin geprüfte Ex-Nazis, Wirtschaftsführer, Kulturschaffende, Wissenschaftler und überlebende Politiker aus der Vorkriegszeit – veranstalteten mit „ihren“ Deutschen auch ein Massenexperiment. Dem sozialistischen Ideal wurde die Option einen hedonistischen Selbstbezugs ausleben zu können entgegen gesetzt: Konsum, Freizügigkeit nach US-amerikanischem Muster und Fortführung der Pflege eines Teils der Feindbilder aus der Nazizeit.

Sicherheitshalber wurde vorübergehend der amerikanische Wild-West-Kapitalismus demzufolge der Stärkere den Schwächeren bis zur Vernichtung beherrschen darf aufwendig mit einem „menschlichen Antlitz“ versehen – der sozialen Marktwirtschaft. Ein teures, sich betriebswirtschaftlich zunächst nicht rechnendes Vergnügen, aber notwendig, wollte man sicherstellen, dass das wirtschaftlich eher karge östliche Sozialismus-Ideal im Westen keinen nennenswerten Anklang findet.

Kaum 15 Jahre nach dem Verklingen des Heil-Hitler-Jubels und dem Ende der „Terrorangriffe“ angloamerikanischer Bomberstaffeln waren Deutsche schon wieder wer. Deutschland ging es wirtschaftlich in Ost und West deutlich besser als den noch kürzlich besetzten und terrorisierten Nachbarn. Während Polen, Franzosen, Holländer, Dänen von der Nazibesatzung erlöst stolz ihre Nationalfarben schwenkten packte West-Deutschland mit hungrigen Augen dankbarst die amerikanischen Care-Pakete des Marshallplanes aus, räumte den Schutt weg, und ergab sich für die nächsten 40 Jahre dem Konsumrausch. Deutschland wurde zum neureichen Streber und Untertanen – im Westen gegenüber den USA im Osten wirtschaftlich mit etwas „kleiner gebackenen Brötchen“ gegenüber der UdSSR.

„Mein Land Deutschland“ bestenfalls als „meine D-Mark“ eine Bedeutung

Und der Gemeinsinn? Das schicke Kleid „soziale Marktwirtschaft“ stand Fräulein BRD gut zu Gesicht. Es machte, dass die ärmeren Nachbarn der Jungfer begehrlich und auch neidisch nachschauten. Es gab Lastenausgleich, Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe für Notfälle aller Art. Der neue Staat kümmerte sich. Man konnte sich getrost ganz auf seine Selbstentfaltung konzentrieren ohne sich wirklich um seine Familie oder sein Land ernsthaft sorgen zu müssen. Wenn überhaupt war das Gefühl „mein Land Deutschland“ eher peinlich. Alibimäßig lamentierten die Vertriebenenverbände davon. Doch im Kern hatte „mein Land Deutschland“ bestenfalls als „meine D-Mark“ eine Bedeutung. Wie jeder Hund auch das mieseste Herrchen vergöttert, erlebte jeder Deutsche gleich welchen ethisch-moralischen Zustandes eine allgemeine fast furchtsame Bewunderung im Ausland – Dank „seiner“ Deutschen Mark. Das machte stolz und mit der Zeit und zunehmender Gewöhnung sehr stolz – und letztlich kollektiv arrogant.

Wer sich tagein tagaus ganz der individuellen Selbstentfaltung auf hohem Konsumniveau hingibt, für den werden Familie und Land und womöglich sogar seine Persönlichkeit zu Requisiten einer Art Bühnenspiels bei dem zunehemend das Spiel als Realität wahrgenommen wird. Familie, Land und Ego sind dann nicht länger jeweils eigene Lebensziele oder Sinn mit eigenen Werten, sondern lediglich Aspekte der eigenen Selbstinszenierung. So jemand lässt sich leicht manipulieren.

So konnte so aus dem „ausbeutenden Kapitalisten“ der Arbeitgeber werden. GEBEN hat den Geruch von SPENDEN und GNADE. Ein GEBER oder SPENDER ist großzügig, gnädig, selbstlos. Der seine Arbeitskraft verkaufende Lohnsklave dagegen wurde zum Arbeitnehmer. Etwas NEHMEN klingt irgendwie egoistisch und bedrohlich, fast dass man sich dafür schämen muss, für seine Arbeit ein Gehalt zu verlangen. Und natürlich hat sich der NEHMER dem GEBER respektvoll auf Abstand zu halten. In Ost-Deutschland wurde prinzipiell die gleiche Demagogie angewandt. Nur war der GEBER hier die Partei der Diktatur des Proletariats und der NEHMER die Probanden ihres sozialistischen Großexperiments.

Suche nach Überlegenheit im Privaten

Weder in Ost noch West war ein über dieses GEBER-NEHMER-PARADIGMA hinausgehender Gemeinsinn erwünscht. Im Westen war man stolz auf seine D-Mark, im Osten auf die Nähe zur D-Mark. Im Osten fragten in den 1970er Jahren kritische Studenten ihre Professoren welchen Wert die Vollbeschäftigung und soziale Rundum-Betreuung durch Partei und Staat besitzt, wenn man doch im Westen selbst als Arbeitsloser ein höheres Einkommen hatte als ein Ost-Akademiker. Letztlich zerbrach erst der Osten an dieser nicht positiv zu beantwortenden Frage. Dann der Westen – nicht länger war danach das teure Kleid „soziale Marktwirtschaft“ von Nöten. Das Wohlstandssystem wurde fragmentiert, verkauft und durch die neoliberale AGENDA 2010 ersetzt. Hartz-IV konnte man sich nach dem Untergang des Staatssozialismus leisten. Keine Gefahr mehr, dadurch die Massen zu Marx, Lenin und zu Aufruhr zu treiben.

Deutschland wurde sich mehr und mehr selbst fremd. Je mehr die gewohnte kollektive Überlegenheit sich abschwächte, desto mehr suchte jeder nach ihren Überbleibseln im Privaten. Die Gutverdiener frönten vermutlich wonneschaudernd umso heftiger ihren unglaublichen Luxus. Hartz-IV-Opfer holen sich vorübergehende Erleichterung in den Wochenangeboten des Diskounters nebenan und in der 24-Stunden-Bezahl-Berieselung von „SKEIHH“. Währen die DDR abrupt implodierte, implodiert die nun zur alten Tante gewordene BRD schleichend. Die Bilder der späten DDR waren von maroden Häuserzeilen und verrosteten Industrieanlagen geprägt – Vorboten und Symptome des Endes. Das Marode und Verrostete der Post-Sozialstaat-BRD ist etwas Innerliches gleichsam auch Privates, versteckt hinter barrierefreien Bauten mit Erdwärme von unten und Solarstrom von oben. Ein Land, äußerlich schön wie ein frisch gepflückter Apfel, innerlich mehlig, faul, voll Würmer.

Was ist mit der Familie? Ist nicht die Familie sinnspendend? Nicht für den auf Selbstentfaltung Fixierten. Solange die Familie seinen Vorlieben und seinem Ego zu entsprechen scheint ist er ganz Familie. Doch ändern sich die Vorlieben, dann wechselt man gemäß Vorliebe den Partner, das Geschlecht und was sonst an einem oder um einen herum auswechselbar ist. Im Zweifel geht es gegen die Natur – die eigene Natur.

Verkümmertes Gefühl eines sinnspendenden Gemeinsinns manipulativ zu neuem Leben erwecken

Man mag sich fragen, warum die Deutschen von 1933 etwa dem auf Pump forcierten Autobahnbau als gesellschaftlichen Segen eines erkennbar psychotischen „Führers“ so hyper-exaltiert aufnahmen. Es heißt, die Gesellschaft habe die Menschen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in eine tiefe innerliche Sinnleere getrieben. Der exaltierte Aktionismus eines Yang-starken Führers mit seinen Expansionsfantasien und Feindbildern hätte das verkümmert Gefühl eines sinnspendenden Gemeinsinns zu neuem Leben erweckt. Daher die Euphorie, der Tatendrang, der folgsame Marsch in den Krieg.

Man muss sich fragen: Wiederholt sich Geschichte doch? Jetzt statt eines Führers mit Yang-Überschuss eine Führerin mit bleischwer-trägem Yin. Die Bleischwere suggeriert Bodenständigkeit, also genau das, wonach eine Gesellschaft im permanenten Wandel mit brachliegendem Gemeinsinn lechzt. Doch diese Beständigkeit mit ihrem suggerierten WIR-SCHAFFEN-DAS-Gemeinsinn ist so trügerisch wie der Aktionismus des einstigen Yang-Führers, der den „Endsieg“ fast bis zur Auslöschung Deutschlands glaubhaft vorgaukeln konnte. Sowohl YANG also auch YIN im Übermaß führen dauerhaft unreguliert naturgesetzlich zum Tod. WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG ist dann womöglich im Endeffekt gar nicht so viel anders als WOLLT IHR DIE TOTAL OFFENEN GRENZEN. Ein Irrtum anzunehmen, WIR SCHAFFEN DAS, was andere absichtlich oder törrichter Weise in Gang gesetzt haben, nur weil sie uns dabei an den Tränendrüsen packen und die Illusion von Gemeinsinn vorgaukeln. HEINZ KNOTEK

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