Die Sehnsucht nach dem Sinn

Meist kommt die Sehnsucht nach dem Sinn erst dann auf, wenn alles Erreichbare erreicht und nach längerem repetitiven Genuss dessen flüchtiges Sinn-Potenzial realisiert wurde. Da sich dieses Ereignis im Schnitt etwa in der Lebensmitte ereignet wird das Phänomen auch „Midlife Crisis“ genannt oder besser als solches diskreditiert. Denn eigentlich fängt mit der Sinnsuche und dem kritischen Hinterfragen des eigenen Treibens selbstbewusstes Leben erst an, wofür es in der statistischen Mitte der physischen Lebenszeit schon etwas spät ist.

Sehnsucht nach Freiheit, eine Form der Sinnsuche. Foto: gemeinfrei

Denn leider hat dann auch schon die Leistungsfähigkeit des aktuellen Seelengewandes, des Körpers, mehr als die Hälfte seiner Leistungs­fähigkeit eingebüßt. Daher der volkstümliche Spott über mittelalte Männer mit 30 Jahre jüngeren Frauen oder die plötzliche Selbstverwirk­lichungswut von Frauen jenseits der Menopause.

Verkörperung Gottes in sich selbst suchen

Die „frischen“ Impulse, die etwa jüngere Partner und aktives Mühen um Selbstverwirklichung auslösen, können die Sinnleere für eine Weile über­brücken (oder besser: vergessen lassen). Früher oder später aber wer­den sich alle durch „Brücken“ vorgezeichnete Wege als Illusion entpup­pen, da sie unvermeidlich in einem weiten Bogen zum Ausgangspunkt – der Leere allen eigenen Treibens – zurückkehren. Denn die Sehnsucht nach dem Sinn kann nicht damit gestillt werden, dass man seinem bisherigen äußeren Treiben neue Formen der Umtriebigkeit aufsetzt. Laut Weisheitslehren kann nachhaltige Erfüllung allein JENSEITS allen Treibens und aller Triebe und damit jenseits allen Mühens um Selbstver­wirklichung auf der astral-materiellen Ebene gefunden werden.

Der Schlüssel zur Sehnsucht nach dem Sinn liegt etwa gemäß mystischer Hindu-Tradition darin KRISHNA – also der Verkörperung Gottes – in sich selbst zu suchen. Der Krishna-Mythos ähnelt auf verblüffende Weise dem Chrêstos-Mythos der griechischen Mysterien und damit – ganz entfernt – dem Christuskult des Kirchenchristentums. Der anglo-indische Mystiker Sri Krishna Prem hat in einem Brief an seinen Freund, den Yogi Dilip Kumar Roy, erklärt, was das „Suchen in sich selbst“ konkret bedeutet:

I know there was a time when it used to irritate me if people talked too much of ‘within’. I felt I wanted to see Him without, but I have since understood that one must first se Him within and then only He is seen everywhere. For the rest, it is quite true that one’s heart must be full of the desire for Him. It is hardly my place to to say it, but you have asked me to, I would say that you still perhaps care for too many things besides Him. For instance, music and poetry in themselves and the admiration they bring to you. As expression of your feelings for Him thea are admirable. They can even be admirable things in themselves for some people but not for you. You have made progress in music and poetry and all your friends are delighted? But what will it profit you if, in the process, your egoism should have increased? … Except in relation to your Goal all these things – music, poetry, philosophy, et cetera – are empty, thrice empty1.

In diesen wenigen Sätzen bringt Sri Krishna Prem auf den Punkt, dass Selbstverwirklichung welcher Art auch immer dazu führen kann eben die Ichbezogenheit zu stärken, die es doch auf dem PFAD doch gerade zu transformieren gilt. IHN – GOTT – sollen wir also suchen in UNS. Gerade wenn man erst einmal wenig oder nichts „Göttliches“ dabei finden sollte spricht um so mehr dafür, die Suche um so ernsthafter zu betreiben. HEINZ KNOTEK

  1. Quelle: Pilgrims of the Stars, by Dilip Kumar Roy & Indira Devi, New York, 1973

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