dOCUMENTA (13) – Licht am Ende der Sackgasse

Mit fotografischen Ansichten auf die dOKUMENTA (13)

Kriegseinsätze, letztlich etwas erschreckend Profanes. Bild: Heinz Knotek

Kriegseinsätze, letztlich etwas erschreckend Profanes. Bild: Heinz Knotek

Kunst für das vergängliche Ego oder die unsterbliche Seele? Das scheint die Frage, die sich der Besucher mit einer mehr spirituellen Lebenshaltung beim Gang über die 13. DOCUMENTA stellt. Doch wenn Kunst für das vergängliche Ego eben dieses Ego irgendwie harmonisiert, inspiriert, durchlässiger macht, dann ist auch Ego-Kunst gut für die Seele und damit auch Kunst für die Seele. Spaniens Banken wollen sich vermutlich bald unter den Rettungsschirm flüchten, kann man im Autoradio auf der Fahrt nach Kassel hören. Unsere Gesellschaft ist in der Sackgasse, nicht nur allegorisch. Auch künstlerisch, wird man merken, wenn man durch die erhabenen Hallen des Fridericianums schlendert. Sackgassenkunst. Sie lässt ein Licht aufscheinen, am Ende der Sackgasse. Was kann der Seele besseres passieren?

Kunst ist immer zugleich erstes Opfer und hochempfindlicher Sensor einer dekadenten Gesellschaft

Wenn die künstlerische Leiterin der Documenta (13), Carolyn Christov-Bakargiev, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung darüber sinniert, dass es auch Kunst für Tiere, ja Pflanzen, geben müsse, dann bringt ihr das die Schlagzeile „Hunde sind die neuen Frauen“ ein. Aus Sicht der mutmaßlich gutbürgerlichen Interviewerin zu Recht. Aus Sicht der zeitlichen Verortung dieser Gesellschaft zu Unrecht.

Fotografische Ansichten auf die dOKUMENTA (13).1 (*)

Kunst ist immer zugleich erstes Opfer und hochempfindlicher Sensor einer dekadenten Gesellschaft. In dem Sinne darf man vermeintlich dekadenter Kunst nicht Dekadenz vorwerfen, sondern der Gesellschaft, deren Niedergang die Kunst ja lediglich reflektiert, ja reflektieren muss, wenn sie authentisch sein will.

Gewänder am Boden. Plötzlich darin eine junge Frau. Desaster. whereareourdresses.com (*)

Wer nicht im Hauptberuf Kunstkritiker ist, dem ist zu empfehlen, seinen ersten Documenta-Besuch ganz ohne Plan geschehen zu lassen. Karte kaufen, sich einige Stunden treiben lassen, am Ende das BEGLEITBUCH2 kaufen und von nun an gezielt suchen und besuchen, was einen besonders anspricht. Der Sucher weiß ja, dass wahre Kunst von unsichtbaren astralen Wesenheiten impulsiert wird. Die Musen haben sich die Künstler als Empfänger gesucht, um allen Menschen eine Botschaft zu vermitteln. Welche Botschaft? Die Botschaft vom Licht am Ende der Sackgasse.

Kunstbetrachtung. (*)

Licht am Ende der Sackgasse mag zunächst nur den letzten Zweifel hell hinwegleuchten, dass unsere Gesellschaft am Ende ist – kulturell, moralisch, spirituell. Dass aber ist ein ganz normales Symptom einer Zeit des Übergangs. Und Kunst muss diese Symptome reflektieren. Die Mauer am Ende der Sack­gasse mag nun durch die Kunst deprimierend unüber­windlich plakatiert werden. Doch sie ist zugleich Hoffnungsschimmer. Wir leben. Und wir leben weiter, was immer passieren mag, wenn wir auf der Mauer am Ende der Sackgasse aufschlagen – werden. Mehr Hoffnung­machen kann eine Kunstaus­stellung wohl kaum. (wird fortgesetzt).

Linksunten: dOKUMENTA (13) links_yellow.gif

(*) Text/Bild: Heinz Knotek

  1. Hinweis zu den Bildrechten: Es ist unvermeidlich bei einer Werkschau wie der DOCUMENTA, dass beim Fotografieren porträtähnliche Situationen entstehen. Letztlich lebt die Berichterstattung über das Ereignis von solchen Bildern. Sollte sich jemand in den hier abgebildeten Darstellungen wiederfinden und mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sein, bitte ich um Zusendung einer entsprechenden Info-Mail (s. Impressum). Das Bild wird dann kurzfristig entfernt. HEINZ KNOTEK
  2. Das Begleitbuch / The Guidebook; 24 Euro

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