ZEN-Seminar – Türöffner zu Grundlagen des Buddhismus und mehr

Drei-Tages-Seminar „Herausforderung Zen-Praxis“

Anfahrt bei Nacht, Sturm und Schneeregen. Einmal links ein Licht, ein kleiner Laden. „Bin ich hier richtig nach Herrischried?“ Die mitleidige Antwort: „Ja, aber da müssen sie noch zwei mal ins Tal und wieder rauf.“ Also zurück in die Nacht auf den Weg hin zum Ziel.

Metaphorischer kann ein Seminareinstieg zum Thema Herausforderung Zen-Praxis nicht sein. Mitten im Sturm des stets unruhigen Denkens (= sturmgepeitschte Wälder des Schwarzwaldes) findet sich ein Ort des inneren Rückzugs und der Stille. Willkommen im Buddhistischen Studien­zentrum Johanneshof.

Zen-Markt

„ZEN-FÜR-XYZ“-Angebote gibt es wie Sand am Meer. Ein weit gefächer­ter Anbietermarkt hat für fast jeden etwas parat, etwa um Manager auf mehr Rendite abzurichten (Zen für Manager), gestresste Mittelstands­egos stilvoll zu entspannen (Zen als „spa-Zusatzangebot“ im Wellness­hotel) oder um das eigene, zumeist christlich geprägte, materialistische Weltbild auf asiatisch-exotische Weise etwas zu „spiritualisieren“ (zum Beispiel Kontemplationstipps im Zen-Style ehemaliger Benediktiner). Hat nur alles nichts mit dem ZEN des Zen-Buddhismus zu tun.

Zen ist Buddhismus

Authentische Zen-Praxis ist praktizierter Buddhismus. Es gibt viele Wege Buddhismus zu praktizieren. ZEN ist einer davon. Zen ohne die Allgegenwärtigkeit der Lehren Buddhas1 im Fokus ist Praxis ohne philosophisch-spirituelle Essenz und damit kaum mehr als mentale Gymnastik mit ein paar Sitz- und Gehübungen. Man sollte aber auch den historischen Rahmen des Wirkens von Siddhartha Gautama, dem Erwachten Buddha unserer Epoche, nicht unbeachtet lassen.

Zen-Mönch Simon beim Küchendienst. Zen ist cool, oder? (*)

Buddha trat vor allem als Reformator der Hindu-Lehren in Erscheinung. Ziel seines Reformansatzes war es, das erstarrte Kastenwesen auf dem indischen Subkontinent für spirituelle Impulse durchlässig zu machen. Denn – vereinfacht formuliert – ALLE fühlenden Wesen haben demnach in sich Buddha-Natur und folglich das Recht und die Möglichkeit die Befreiung vom Rad der Wiedergeburt zu erlangen und das ganz ohne Zutun der Angehörigen der Kaste der Brahmanen.

Dieser Aspekt erlangt dann Relevanz, wenn es um typische Aspekte der Hindu-Lehren geht, die sich bei Buddha nicht ausdrücklich erwähnt finden, wie etwa Karma und Reinkarnation oder die Thesen zur esoterischen Anatomie des Menschen mit seinen subtilen Körpern (etwa Astral- und Mentalkörper), Energiezentren (Chakras) und der Kundalini. Dieses System hat Buddha nicht erwähnt, weil dieser Aspekt der Hindu-Philosophie weder der Ergänzung noch der „Reformation“ bedurfte.

Vom Ch’an zum Zen

Zen-Meister Dōgen. Abb. gemeinfrei

Der Zen-Buddhismus mit seiner Zen-Praxis ist etwa im fünften Jahrhun­dert im China als Ch’an-Buddhismus (chines. Ch’an; 禪) entstanden und erreichte in der Tang-Dynastie (618 – 907 u. Z.) seinen vorläufigen Zenit. Ch’an wurde wesentlich vom Daoismus impulsiert, marginal auch vom Konfuzianismus. Der Begriff Ch’an ist eine chinesische Ableitung vom Sanskritwort Dhyana (ध्यान). Dhyana bedeutet frei übersetzt etwa „Zustand meditativer Versenkung“. Zen-Praxis – oder Ch’an-Praxis – ist daher vor allem dem SITZEN IN MEDITATION gewidmet. Die Lehren des Buddha bilden dabei den spirituellen Unterbau der Zen(Ch’an)-Medita­tion.

Ab dem 12. Jahrhundert erlangte Ch’an in Japan als Zen-Buddhismus zunehmend gesellschaftliche Relevanz. Vor allem durch das Wirken von Dōgen Zenji2 (jap. 道元禅師) wurde die Zen-Praxis zu einer eigenstän­digen Schule des Buddhismus, dem Sōtō-Zen. Dōgen pilgerte nach China, um selbst die Quellen des überlieferten Ch’an zu ergründen. In dem von ihm begründeten japanischen Zweig der Sōtō-Schule3 ist die Hauptübungspraxis Shikantaza (Nur-Sitzen) – und das bis heute4.

Zen-Praxis: Shikantaza – Nur-Sitzen

Damit wären wir wieder beim Buddhistischen Studien­zentrum Johanneshof und dem Seminar Herausforderung Zen-Praxis. Der Johanneshof ist ein echtes Zen-Kloster mitten im Schwarzwald. Und es gibt dort laut Jahresprogramm vor allem kompromissloses Shikantaza – Nur-Sitzen. Und genau das ist bei vergleichbaren Angeboten das Problem, zumindest für „nur“ Interessierte oder Anfänger. Wer sich etwa grundsätzlich für den Buddhismus interessiert und noch ergründen muss, welcher der zahllosen Schulen die für ihn passende sein könnte, kann durch die auf den ersten Blick rigide Praxis des Shikantaza zunächst eher von Buddhas Lehre abgeschreckt werden.

Maka Hannya Haramita Shingyo5 (Herz-Sutra)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=GeazImtj8SM[/youtube]

Heart Sutra (In Techno). Video: Airunirrac

Stundenlange Meditation (Zazen) bis zur Gelenkentzündung, Rezitation von Sutren in selbst vielen Japanern schwer verständlicher „urjapani­scher“ Lautsprache, exotisch befremdlich anmutende Rituale und jede Menge glatzköpfige „tough cookies“, also Mönche und Nonnen6, die stets grimmig schweigen und Fragen scheinbar nur widerwillig und wenn dann höchstens bruchstückhaft beantworten – so kann es jemand erleben, der sich bei einem Sesshin anmeldet, einer mehrtätigen Meditationsphase. Friss oder stirb. Auch im Johanneshof sind Sesshins vermutlich kein Zuckerschlecken7. Doch im Jahresprogramm gibt es eben auch SEMINARE die ganz anders sind. Nicht weniger kompromisslos in der Praxis, aber durchlässiger in Konzeption und Durchführung. Und das macht die Seminare zu einem Rahmen, um sowohl die Grundlagen des Buddhismus als auch Details der Zen-Praxis, Shikantaza – Nur-Sitzen, kennenzulernen.

„Herausforderung Zen-Praxis“

Seminar vom 28. bis 31. Dezember 2012, Johanneshof, Herrischried

Ikyo Ottmar Engel Roshi leitete das Seminar. Er ist stellvertretender Abt und einer der Dharma-Nachfolger von Zentatsu Richard Baker Roshi. Baker Roshi ist…

Zen-Lehrer in der Lehrlinie von Dongshan und Shunryu Suzuki Roshi. 1971 hat er die Dharma-Nachfolge von Suzuki Roshi angetreten und vermittelt seitdem die buddhistische Lehre im Westen. Er bietet sowohl traditionelle, formelle Praxis, als auch weniger formelle Seminare an. Er ist Abt des Crestone Mountain Zen Center in Colorado / U.S.A., und Abt des Buddhistischen Studienzentrums im Johanneshof. (Quelle: Buddhistisches Studien­zentrum Johanneshof)

Der Weg ist das Ziel. (*)

Wecken konnte um 5.10 Uhr sein und erstes Zazen des Tages um 5.40 Uhr. Musste aber nicht. Von den knapp 50 Seminarteilneh­mern nutzen denn auch nur die handvoll Erstbesucher dankbar diese Freiheit – und stießen erst beim zweiten NUR-SITZEN dazu, eine knappe Stunde später. Medi­tiert wird nur zwei Mal am Tag, im Schnitt eine halbe Stunde und höchs­tens zwei Mal hinterein­ander. Rezitationen und Rituale erfolgen klassisch japanisch. Es gibt aber auch Rezitationen auf Deutsch und die „tough cookies“, also die ordinierten Mitglieder der Sangha, erweisen sich außerhalb der Zazen-Phasen als ein höchst sympathischer Haufen kommunikativer Leute aller Altersgruppen, mit denen man diskutieren und viel Spaß haben kann.

Alle aus der kleinen Gruppe der Neulinge legen bald erkennbar alle typi­schen Symptome des Fremdelns ab. Offenbar sind hier im ganz wörtli­chen Sinne Brüder und Schwestern im Geiste zusammengekommen, die, ja wer weiß, vielleicht sogar von den Hütern des Karmas gezielt zusam­mengeführt wurden. Es gibt keine Anfänger und keine Nicht-Anfänger. Es gibt WEITE OFFENHEIT und SO SEIN und begreifbare LEERHEIT, die doch randvoll ist. Besser kann man die Lehren Buddhas kaum zum spürbaren Schwingen bringen.

Resonanzkörper und „Osram-Feeling“

Spätestens in der ersten zweieinhalbstündigen Seminarphase, davon wird es insgesamt fünf geben, wird klar, Raum und Leute bilden einen spürbaren Resonanzkörper für Sucher auf dem vornehmlich buddhistisch geprägten Pfad. Ikyo Engel Roshi stellt einige Kōan8 in den Raum, erläutert sie und reflektiert ihre Bedeutung. Dann Diskussion. Bezeichnend: Vor allem auch die Neulinge nehmen an dem, manchmal auch streitenden, Gedankenaustausch teil. Dabei wird es auf eine erhabene Weise intim. Leiden, Zweifel, Ängste, die man „um Gottes Willen“ sonst nie bekennen würde, werden plötzlich offengelegt.

Seminar „Herausforderung Zen-Praxis“ im Johanneshof

Eindrücke. (*)

Als schließlich in Kleingruppen von bis zu acht Teilnehmern das Seminarthema Herausforderung Zen-Praxis vertiefend bearbeitet wird, kann das spirituelle Licht noch einmal an Manifestation zulegen. Später, in der Feedback-Runde, wird jemand vom „Osram-Feeling“ sprechen. Ikyo Engel Roshi moderiert die Seminar-Phasen dezent. In seinen Lehrreden geht er auch auf eine Reihe wichtiger Sutren jenseits kanonischer Zen-Texte ein. Wer also hergekommen war, um einen generellen Zugang zum Buddhismus zu erhalten, konnte auf vielfältige Weise inspiriert auf seine Kosten kommen.

Apropos Kosten. Die Teilnahmegebühr, etwa mit Unterbringung im Einzelzimmer, betrug 453 Euro. Bei Gemeinschaftsunterkunft noch 370 Euro. Das ist nicht wenig. Zum Leistungsumfang gehört aber auch eine vegetarische Vollverpflegung, die sich mit jedem Sternekoch-Angebot locker messen kann. Auf Nachfrage wurde zudem glaubhaft versichert, dass die Teilnahmegebühr im Notfall verhandelbar ist. Es konnte also auch teilnehmen, dessen Einkommensverhältnisse die reguläre Gebühr nicht stemmen konnte. Ein weiterer Aspekt authentischer Praxis9.

Buddhistisches Studien­zentrum Johanneshof

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Fazit: Der Johanneshof ist ein einzigartiger Ort spiritueller Praxis! Das Seminarkonzept ist ein Segen. Es ermöglicht, dass wirklich JEDER Sucher, auch diejenigen mit geringem Bezug zur strengen Zen-Praxis des Shikantaza – Nur-Sitzens, sich mit Buddha-Dharma vertraut machen kann. Der Johanneshof ist ein seltenes Licht in einer dunklen Zeit. Und eine echte Tankstelle. Zum Lichttanken.

Linksunten: Buddhistisches Studien­zentrum Johanneshof links_yellow.gif

(*) Text/Bild: Heinz Knotek

  1. siehe Der Buddhismus-Bluff: Eine Begriffsklärung links_yellow.gif
  2. 1200 – 1253
  3. Als Gründerväter der Sōtō-Schule gelten die chinesischen Ch’an-Patriarchen Tōzan Ryōkai (chin. Dongshan Liangjie) und dessen Schüler Sōsan Honjaku (chin. Caoshan Benji).
  4. Die Sōtō-Schule ist Teil eines weit gefächerten Systems des Zen-Buddhismus. Alle chinesischen Zweige des chinesischen (Ch’an-)Buddhismus fanden auch ihren Weg nach Japan.
  5. Maka Hannya Haramita Shingyo:

    Kan ji zai bo za tsu

    Gyo jin han ya ha ra mi ta

    Ji sho ken go on kai ku
    
Do i sai ku

    Yaku sha ri shi

    Shiki fu i ku

    Ku fu i shiki

    Shiki soku ze ku

    Ku soku ze shiki

    Ju so gyo shiki

    Yaku bu nyo ze

    Sha ri shi

    Ze sho ho ku so
    
Fu sho fu metsu

    Fu ku fu jo
    
Fu zo fu gen

    Ze ko ku chu

    Mu shiki mu ju so gyo shiki

    Mu gen ni bi ze shin i
    
Mu shiki sho ko mi soku ho
    
Mu gen kai nai shi mu i shiki kai
    
Mu mu myo yaku mu mu myo jin
    
Nai shi mu ro shi yaku mu ro shi jin
    
Mu ku shu metsu do mu chi yaku mu toku i

    Mu sho toku ko bo dai sa ta e
    
Han ya ha ra mi ta ko
    
Shin mu ke ge mu ke ge ko
    
Mu u ku fu on ri i sai ten do mu so ku gyo ne

    Han san ze sho butso e

    Han ya ha ra mi ta ko

    Toku a noku ta ra san myaku san bo dai
    
Ko chi han ya ha ra mi ta

    Ze dai jin shu ze dai myo shu
    
Ze mu jo shu ze mu to do shu

    No jo i sai ku shin jitsu fu ko
    
Ko setsu han ya ha ra mi ta shu

    Soku setsu shu watsu

    Gya tei gya tei

    Ha ra gya tei

    Hara so gya tei

    Bo ji so wa ka

    Hannya Shingyo

  6. Der Neuling wird u. U. zu Beginn die tiefe Symbolik des geschorenen Haupthaares nicht erfasssen können. Dabei geht es nicht um büßendes Kasteien des Körpers, wie etwa in anderen Religionen, sondern um das symbolische „Abschneiden der bono (Anhaftungen)“.
  7. Anmeldungen zu intensiven Meditationsphasen, etwa Sesshins, sind im Johanneshof nur in Abstimmung mit dem diensthabenden Abt möglich. Damit wird sichergestellt, dass interessierten Suchern die beschriebenen negativen Erfahrungen erspart bleiben.
  8. Kōan: kurze Sinnsprüche altehrwürdiger Zen-Meister mit zumeist vordergründig unlogisch wirkenden Aussagen. Die gezielte Unlogik dient dem Zweck, das unterscheidende Denkvermögen symbolisch und auch unmittelbar „abzuschneiden“.
  9. Die Teilnahmegebühr umfasste außerdem den Aufenthalt nach Seminarende über Sylvester und einen üppigen Brunch am Neujahrsmorgen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist daher insgesamt positiv zu bewerten.

2 Gedanken zu „ZEN-Seminar – Türöffner zu Grundlagen des Buddhismus und mehr

  1. Liebe Susanne! Ich kennen keinen Benediktushof. Obwohl – Deine Worte rufen wahrgenommene (für mich) Nebenbemerkungen in Erinnerung während meines Aufenthaltes. Da war die Rede von einer Gruppe Übender in der Nähe. Mit einem Unterton möglicherweise. Das hat mich aber nicht interessiert. Und ich habe es nicht recherchiert. Das ist es bestimmt, worauf Deine Bemerkung hinzielt. Mein “Nebenhieb” geht woandershin. Auf die Verwässerung der Lehre Buddhas in einer tief in Ichzentriertheit verstrickten Welt, die sich auch des ZEN zur Ego-Pflege bedient – hier und da. Wo doch die Essenz der Buddhalehre gerade das Illusorische der Vorstellung eines separaten ICH “predigt”. Außerdem – da es ein Sakrileg wäre andere Suchende zu kritisieren, würde ich ja mit persönlichen Seitenhieben direkt mir selbst wiedersprechen. Was zwar oft genug im Alltag passiert – aber hier nun gerade nicht. 😉 Herzlichen Dank für Dein Feedback! Heinz/Andreas

  2. Lieber Heinz,

    vielen Dank für Deine Berichterstattung.
    Auf der Suche nach einer Sangha, einem Ort zum Zazen-Sitzen und authentischer Anweisung habe ich jetzt von Dir damit einen guten Tipp bekommen und eine wunderbare Beschreibung in Worten.
    Außer dem Nebenhieb auf den Benetiktushof, wo es sicher auch hervorragende Lehrer gibt, mit und ohne Erleuchtungserfahrung, fand ich Deinen Bericht sehr bereichend und anschaulich.
    Danke!
    Susanne

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