Lust an der Menge oder ein paar Bemerkungen zum Alltag

Irgendwann ist auch der größte und rücksichtsloseste Egoist seiner Egomanie überdrüssig. Dann genießt er zum Ausgleich lustvoll das Eintauchen in die derbe Menge. Der sonst von Angestellten und Geschäftspartnern gefürchtete Unternehmer lässt es etwa im Verein bei viel Alkohol kumpelhaft krachen – wie der Sozialhilfeempfänger am Biertisch ihm gegenüber.

Teil der Masse sein. (*)

Der sich für intellektuell haltende Gymnasiallehrer hängt sich vier Deutschlandfahnen ans Auto und verpasst den Außenspiegeln seiner gehobenen Mittelklasse-Limousine einen Überzug in schwarzrotgold. Genauso so wie der tätowierte Plattenbaubewohner im neun Jahre alten Opel. Wenn gerade Fußball-WM ist, treffen sich alle beim Public Viewing. Die Lust an der Selbstaufgabe in der Menge ist allgegenwärtig – da erweisen sich „ein paar Bemerkungen zum Alltag“ eines Meisters der Weisheit einmal mehr als zeitlos aktuell. Weiterlesen

[Archiv-Auswahl] Mária Szepes würde vermutlich heute aus Ungarn fliehen – wie 1933 aus Berlin

Als es vor Jahren in Deutschland eine Zeit lang schlagzeilen­trächtig zu vereinzelten Übergriffen auf Ausländer kam, hat Mária Szepes (1908-2007) Freunden gegenüber ihre Sorge geäußert, ob der Verfasser – ein „echter Deutscher“ – ihr jetzt nicht etwa feindselig begegnen wür­de. Fremdenfeindlichkeit war für die große ungarische Esoterikerin ein lebenslanges Trauma. Mária Szepes war Jüdin. Nach eigenen Angaben konnte sie 1933 mit ihrem Ehemann Béla im letzten unkontrollierten Zug der einsetzenden Judenverfolgung in Deutschland entkommen.

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Szepes Mária – Beavatás 1.rész

Wenn Mária heute den mit unverhohlenem Antisemitismus gewürzten nationalistischen Pathos eines „tausendjährigen ungarischen Reiches“ erleben müsste, den die Regierungspartei FIDESZ und ihr Minister­präsident Viktor Orbán provokant lauthals verkünden, würde sie sich mit Bangen an jene Zeit erinnern, da auch Deutschland einen auf tausend­jährig machte und mit diesem Irrsinn Europa und die Welt in den Abgrund führte. Gut möglich, dass sie – wäre sie dazu physisch in der Lage – daher ihrer Heimat entfliehen würde. Aus Scham. Aber auch aus Angst. Weiterlesen