[Archiv-Auswahl] Olympische Winterspiele Sotschi: Verzweifelte Sinnsuche

Lenin mobilisiert mit seinen Ideen die Massen.Foto: Grigori Petrowitsch Goldstein (1870-1941)

Lenin mobilisiert mit seinen Ideen die Massen.
Foto: Grigori Petrowitsch Goldstein (1870-1941)

Vorbei die Zeiten, da Russland durch Ideen und Ideale, dessen äußere Manifestation die Weltmacht Sowjetunion war, also durch die Verkörperung politischer, ökonomischer und militärischer „innere Werte“, Aufmerksamkeit und Respekt – und auch Furcht – in der Welt hervorrufen konnte. Der Marxismus-Leninismus als weltanschauliches Ideal hat sich auf ganzer Linie als historische Verblendung erwiesen, der Millionen zum Opfer gefallen sind. Russland, als Sowjetunion-Verweser, ist eine Art gestrauchelter Dinosaurier im Koma auf der Suche nach einer neuen VOLKSSEELE und neuer Vitalität. Die Olympischen Winterspiele in Sotschi waren der verzweifelte Versuch, den Bewohnern des russischen Riesenreichs irgendeinen globalen nationalen Sinn zu geben. Das Ergebnis – mit seinen irrlichtenen virtuellen Animationen – ist mitleiderregend.

Sotschi – kaum mehr als eine sehr teure Eintagsfliege

Die Häme die den Russen für die groteske Materialschlacht bei der Inszenierung der Olympischen Winterspiele in Sotschi und die sie einholenden „typisch sowjetrussischen“ Pannen entgegen schlägt, gleicht verspätetem Siegergebaren. Die Sieger im ehemaligen Ost-West-Konflikt führen den Verlierer spöttisch vor, vergessen aber dabei, dass die Sotschi-Show nicht nur Egowahn eines pseudodemokratisch gewählten Präsidenten ist, sondern nachvollziehbar Ausdruck seines verzweifelten Bemühens, seinen Untertanen so etwas wie Selbstachtung zurückzugeben.

Dabei ist erkennbar, dass Sotschi kaum mehr als eine sehr teure Eintagsfliege sein wird. Auch Sotschi verleiht dem Riesenreich keine neue ideelle Autorität, selbst wenn es ohne Pannen laufen würde und hoffentlich anschlagfrei bleibt. Die Hatz auf Homosexuelle und das restriktive Vorgehen gegen engagierte Systemkritiker sollen greifbare Feindbilder liefern, um Angst und Unzufriedenheit der Massen „irgendwie“ zu kanalisieren und abzuleiten. Russland steht in der Welt vor allem für als bedrohlich empfundene Abhängigkeit von Erdgas, als beängstigende Infiltration der demokratisch-offenen Zivilgesellschaft mit mafiaartigen Strukturen und organisiertes Verbrechen.

Den Russen sagt man wohl zu recht den Hang zu ausschweifenden Festen nach. Nichts anders als ausschweifendes Trinkgelage sind die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Man ist für ein paar Tage euphorisch betrunken, um bald wieder mit zerschundener Gesundheit (Umweltschäden, enteignete Anwohner, ausgebeutete Gastarbeiter, sich selbst überlassene Wettkampfstätten) in der Unerträglichkeit des hoffnungslosen Alltags aufzuwachen. Ein Alltag ohne Ideal und Sinn, außer dem des schieren Überlebens.

Der Versuch von Russlands Herrscher, via olympischen Geist seinen Leuten wieder ideelle Größe zu geben, muss schon deswegen scheitern, weil der Geist von Olympia selbst längst zum kaufmännischen Gespenst degradiert wurde, also kaum taugt als nachhaltiges Ideal. Zu Sowjetzeiten gab es im Ostblock die Propagandaparole: Von der Sowjetunion lernen heißt Siegen lernen. Auf makabre Weise könnte der Spruch erst jetzt sinnhaftig werden. Auch im Westen hapert es mit Idealen. Das „kleine persönliche goldene Kalb“ sorgte über Jahrzehnte für Ruhe und Ordnung. Doch immer mehr Menschen leben in prekären Verhältnissen. Zehntausenden droht Altersarmut. Kleine Vermögen werden immer wieder durch dubiose Finanzspekulationen zerstört. Das Ideal des kleinen persönlichen Wohlstandes wird brüchig. Schauen wir also zu, wie die Russen mit ihrer Ideallosigkeit umgehen. Vielleicht können wir daraus lernen. HEINZ KNOTEK

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