[Archiv-Auswahl] Schleichende „Fundamentalisierung“ öffentlicher religiöser Debatten

Friedrich I. Barbarossa als Kreuz-
fahrer – Miniatur aus einer Hand-
schrift von 1188.
Abb. gemeinfrei

Mein Gott, dein Gott, unser Gott? Mein Gott! Wenn sich auf dem indischen Sub­kontinent fanatische Moslems und reaktionäre Hindus mal wieder gegenseitig ihre Gotteshäuser ab­fackeln und die anderen Anhänger massakrieren, dann hört sich das vom „aufgeklärt-demokratischen“ Westen aus wie eine Geschichte aus dem fernen und mutmaßlich dunklen Mittelalter an.

Doch der Eindruck täuscht. Deutschlands neuer Innenminister, Hans-Peter Friedrich, gibt gern den entschlossenen „Gorge-Double-U-Klon“, mit Deutschlandfahne am Revert und suggestiven Sätzen wie diesen: Unsere Kultur ist christlich-abendländisch. Derweil verbrennen fanatische evangelikale Dorfbewoh­ner in den USA öffentlich den Koran1. Sich mit den Feinseligkeiten unter Anhänger von Verkünderreligionen auseinandersetzen ist eigentlich nicht bevorzugte Sache des Suchers auf dem Pfad. Doch auf die schleichende „Fundamentalisierung“ öffentlicher religiöser Debatten sollte jeder klar denkenden Menschen ein wachsames Auge werfen.

Kreuzzugsgeist aus der Flasche lassen

Die Theosophie des 19. Jahrhunderts hat auf den ungelösten und unter dem Mantel der Aufklärung lediglich verdeckten Widerspruch einer exklusiv verstandenen Religiösität zum Geist wirklicher Aufgeklärtheit hingewiesen. Fast hat es den Eindruck, dass die fundamantalistischen Auswüchse im Namen des Islam und die missbräuchliche Verwendung der Koran-Symbolik zur Rechtfertigung von Terror und Gewalt dem einen oder anderen Christen ganz recht sind, endlich wieder öffentlich den Kreuzzugsgeist aus der Flasche lassen zu können.

Letter from the Maha-Chohan

Received September, 1881

… To be true, religion and philosophy must offer the solution of every problem. That the world is in such a bad condition morally is a conclusive evidence that none of its religions and philosophies … have ever possessed the truth. The right and logical explanations on the subject of the problems of the great dual principles—right and wrong, good and evil, liberty and despotism, pain and pleasure, egotism and altruism—are as impossible to them now as they were 1881 years ago. They are as far from the solution as they ever were; but to these there must be somewhere a consistent solution …

Brief des Maha-Chohan

Empfangen im September 1881 (Auszug)

… Religion und Philosophie müssen, wenn sie wahr sein wollen, eine Lösung für jedes Problem bieten können. Dass sich die Welt in einem so schlechten moralischen Zustand befindet, ist daher ein untrügliches Zeichen dafür, dass keine ihrer Religionen und Philosophien … je im Besitz der Wahrheit gewesen sind. Richtige und plausible Erklärungen für die großen dualen Prinzipien – Recht und Unrecht, Gut und Böse, Freiheit und Willkür, Leid und Freude, Ichsucht und Selbstlosigkeit – können sie heute genau so wenig bieten wie vor 1881 Jahren. Sie sind so weit von einer Lösung entfernt wie eh und je. Es muss aber irgendwo eine überzeugende Lösung geben…

HEINZ KNOTEK

Linskunten: Süddeutsche Zeitung: “Ein Mann für Law and Order” links_yellow.gif

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