[Archiv-Auswahl] Wozu Religionen? (IS RELIGION NECESSARY?)

Wenn man bei klarem Verstand und mit wachem Bewusstsein die pseudowissenschaftliche Begründung der „Seligsprechung“ eines Papstes verfolgt, kann man genau so nur mit dem Kopf schütteln wie beim Lesen der hysterischen Hasstiraden muslimischer Prediger, die unwissenden sozial Benachteiligten den unaufhaltsamen Sieg des Islam – auf Kosten der Leben „Nichtgläubiger“ – verheißen.

Feuer-Mord im Namen Gottes: Jan Hus auf dem Scheiterhaufen, Spiezer Chronik (1485). Abb. gemeinfrei

Auch der selbstgerechte Fanatismus von Evangelikalen und radikalen Hindus wirken wie Fiebersymptome einer kranken Gesellschaft. Dem nüchternen Denker mag sich da die Frage aufdrängen: wozu Religionen? Die Zeitschrift THE THEOSOPHICAL MOVEMENT geht in ihrer Ausgabe Oktober 2010 dieser Frage aus Sicht der Weisheitslehren nach. Sie fragt: IS RELIGION NECESSARY?

Wozu Religionen1

Auszugsweise Übertragung aus dem Englischen

Religionen – wie sie heute existieren und seit Jahrhunderten existierten – können nicht nur die Menschheit nicht einen, sondern tragen im Gegenteil entscheidend zu ihrer Zersplitterung bei, sind Ursache für Zwist und Uneinigkeit. Nicht einmal für ihre eigene Anhängerschaft sind sie einigende Kraft. In Indien kommt es seit Jahr­hunderten im Namen religiöser Bigotterie zur Trennung der Kinder ein und derselben Scholle, die doch in brüderlicher Eintracht und friedvoll miteinander leben sollten. Das Christentum bietet das gleiche Bild an Feindseligkeit zwischen den einzelnen christlichen Gruppen einerseits und gegenüber anderen Religionen andererseits.

Die Kräfte, die Religionen entwürdigen, sind dieselben, die auch die Würde des Einzelnen zerstören. Es handelt sich dabei gemäß Bhagavad-Gita um die drei Tore zur Hölle: Kama, Krodha, Lobha. Kama, das sich im Menschen als leidenschaftliche Emotionen manifestiert, zeigt sich in Religionen als psychische Trunkenheit und religiöse Vorurteile. Krodha – Zorn – erscheint in Religionen als Feindschaft und Hass gegen Andersgläubige der sich bis zum Fanatismus steigern kann. Lobha – Ehrgeiz – kommt in der Maske der anmaßenden Vorstellung einer Missionierung der Welt mit dem eigenen Glauben daher.

Wenn nun Religionen die Menschheit nicht zu einen vermögen, warum sie dann nicht ganz aufgeben? Dem spricht entgegen, dass Religionen der vielleicht einflussreichste Faktor im Dasein der menschlichen Seele sind. In allen Religionen finden sich Schönheit, Tugend und Wahrheit. Es wäre daher töricht sie aufzugeben. Genauso gut könnte man Hungernden Weizen vorenthalten, nur weil er mit Spreu versetzt und staubig ist. Die Menschheit braucht einen Glauben, der ihre Schritte lenkt. Wenn eine Religion vernichtet wird, kommt daher alsbald eine neue hervor. So genanntes „neues Denken“, wissenschaftlicher Dogmatismus und Atheismus – sie sind alle gleichermaßen engstirnig und dogmatisch wie der alte Glauben. Jeder der behauptet, die allein seligmachende Wahrheit zu besitzen, gehört abgewiesen und in seine Schranken verwiesen.

Kein wirklich großer Lehrer ist jemals zur Gründung einer Religion de novo erschienen. Sie kamen immer als Reformer einer zumeist im Niedergang befindlichen Religion. Nachdem sie den Boden von blindem Glauben, Ritualismus und Klüngelei gereinigt hatten, versuchten sie den ewigen Wahrheiten wieder ihren zustehenden Platz zuzuweisen – kosmische und universelle Prinzipien, Belehrungen zu moralischen Gesetzmäßigkeiten – ganz so wie ihre jeweiligen Vorgänger es taten.

Jesus erklärte:

Meinet nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, wird nicht ein einziges Jota oder Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. (Mat. V.17).

Und doch wendet sich Jesus gegen Priesterschaft und Ritualismus. Es war das wahre Gesetz, das Dharma der Gita, das zu erfüllen er gekommen war.

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Nuhr wer’s glaubt wird selig – Sendung 1 von 2, Teil 1 von 5

Krishna erklärte, er würde immer und immer wieder in Erscheinung treten, wenn Adharma – Gesetzlosigkeit – vorherrschen würde, um Dharma – Rechtschaffenheit – wieder herzustellen. Daher würde er „… von Zeitalter zu Zeitalter inkarnieren, um die Gerechten zu schützen, die Verdorbenen zu vernichten und die Rechtmäßigkeit zu bewahren“.

Krishnas Dharma … und das Gesetz Jesu – sie sind das eine Band, das die Menschen zusammenzuführen vermag, indem der Einzelne universellen Regeln folgt und alles von sich weist, was ihn davon abhalten könnte, die Anhänger anderer Glaubensrichtungen als seine Brüder zu betrachten. Laut theosophischer Definition ist Religion „ein Band, das Menschen vereint – nicht aber ein Set spezieller Dogmen und Glaubensbekenntnisse“. Diese Definition ist aber auch nichts Neues, wie auch Theosophie nicht neu ist. In der Mahabhara etwa finden wir Ähnliches.

Die Praxis wahrer Religion bedeutet sich nach den Wahrheiten des eigenen Glaubens zu richten und abzuweisen, woran nicht alle Menschen teilhaben können… Die Praxis der Weisheitsreligion spendet dem Denkvermögen Erleuchtung und dem Herzen Inspiration. Nur erleuchtetes Denkvermögen führt zu Materialismus. Nur ein inspiriertes Herz bringt exaltierte Gefühlswallungen. Zusammen zeigen sie den Weg, wie man Mitgefühl und Weisheit wirksamer in den Dienst an die Menschheit stellen kann.

IS RELIGION NECESSARY?

From “The Theosophical Movement” issue October 2010

RELIGIONS as they exist today and have existed for centuries not only cannot unite humanity, but are actually forces that breed disunion and cause strife and dissension. They are not even a unifying force for their own followers. In India, bigotry, in the name of religion, has for centuries divided the children of the same soil, who should be living in brotherly relation and at peace. Christendom presents the same picture of hostility between sects, and so with other religions.

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Jesus Camp (deutsch) 1/5

The forces which degrade religions are the same as those which degrade individuals. They are the three gates of hell spoken of in the Bhagavad-GitaKama, Krodha, Lobha. Kama, which manifests in man as passion, shows itself in religions as psychic intoxication and religious prejudice. Krodha, anger, appears in religions as enmity and hatred against non-believers in that particular creed—prejudice developing as fanaticism. Lobha, ambition, masquerades in the arrogant idea of proselytizing the world to belief in a given religion.

Since religions do not unite mankind, should they be done away with? But religion is, perhaps, the most potent factor in the lives of human souls. There is beauty, virtue and truth in every religious faith, so to discard them all would be folly. As well throw away the wheat needed by the starving because it is mixed with chaff or has dirt on it! Humanity needs some faith to guide its steps, and if one religion is destroyed, another comes to take its place. New Thought, scientific dogmatism, atheism—all of them are as narrow and dogmatic as the old faiths. Each claims that it has the only truth and that the others must be discarded and fought against.

The second of the three objects of the Theosophical Movement emphasizes the necessity for a comparative study of religions, and this includes, as explained by H.P.B., the vindication of “the importance of old Asiatic literature, namely, of the Brahmanical, Buddhist, and Zoroastrian philosophies.” Such a study can free us from the arrogant modern notion that what is newest is best. The individual who takes up this comparative study in earnest finds the bonds of his own sectarianism weakening. He becomes capable of recognizing Truth wherever it may be found and of incorporating truths outside of his own creed in his daily practice—a great step in soul evolution. He will discover that underlying all religions are certain basic ethical teachings and he will ask, “Where did these religions originate?”

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Religion auf dem Prüfstand – Jürgen Becker- 1/3

No great Teacher ever came to establish a religion de novo; he came always as a reformer of a religion which had become degraded. Having cleared the ground of blind belief, ritualism and dependence on others, a great one tries to reiterate the same eternal Truths, cosmic and universal principles and statements of moral law as were taught by his predecessors.

The Light of Asia describes the wrath of the Buddha’s kingly father on seeing his son in mendicant’s garb and with a begging-bowl and on hearing his explanation that it was the custom of his race.

“Not of a mortal line,” the Master said,
“I spake, but of descent invisible,
The Buddhas who have been and who shall be
Of these am I, and what they did I do.”

Jesus declared: “Think not that I am come to destroy the law, or the prophets: I am not come to destroy, but to fulfil. For verily I say unto you, Till heaven and earth pass, one jot or one tittle shall in no wise pass from the law, till all be fulfilled” (Matt., v, 17-18). Yet Jesus went against the priests and ritualism; it was the true Law, the Dharma of the Gita, which he came to fulfil.

Krishna declared that whenever Adharma, lawlessness, flourished, he came again and again to establish Dharma, righteousness: “… and thus I incarnate from age to age for the preservation of the just, the destruction of the wicked, and the establishment of righteousness.”

Zoroastrians, instead of priding themselves on an exclusive religion, should be proud that Zoroastrianism is part of the Eternal Truth which is behind all religions. In Chapter II of the Vendidad, Zarathushtra asks: “To whom did you, O Ahura Mazda, teach this Good Law of your own before you imparted it to me?” And Ahura Mazda replies: “O Zarathushtra, I taught that religion of mine to the fair King Yama. He was the first mortal before thee to whom I taught this religion.” King Yama was King Jamshed who, before Zarathushtra, propagated the religion of Mazda, the Wisdom-Religion that has been known in all ages and under all climes. In the Gathas, also, Zarathushtra asks what he can do to keep the Law pure and prevent its corruption, showing that he knew that religions always suffer corruption in the course of time.

This Dharma of Krishna, the Din of Zarathushtra, the Law of Jesus, is the one bond that can bring men together, by the practice of the universal precepts and the discarding of all that prevents the followers of one creed acting as brothers to those in other faiths. The Theosophical definition of religion is “a bond uniting men together—not a particular set of dogmas and beliefs.” The definition is not new, any more than Theosophy is new. In the Mahabharata, we come across a similar definition.

The practice of this true Religion involves the living up to the truths in one’s own creed and discarding everything in it that all men cannot share. Trying to practise the highest teachings of all religions makes the Theosophist a better Christian than the church-goer. Similarly, the Durvand who tries to practise good thoughts, good words and good deeds is a better Zoroastrian than one who ties and unites the sacred thread many times a day but will not practise good thoughts, good words and good deeds.

Practice of the Wisdom-Religion gives enlightenment to the mind and inspiration to the heart. The former alone results in materialism. The latter alone results in sentimental emotionalism. Together they show one how to better himself and express compassion and wisdom in the service of humanity.

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(Teaser/Übertragung aus dem Englischen/Gestaltung: Heinz Knotek)

  1. Mit freundlicher Genehmigung von THE THEOSOPHICAL MOVEMENT. The following text was first published at the October 2010 edition of “The Theosophical Movement” magazine, which is monthly published at Mumbai, India. Its publication and its partial translation into German at TrinosophieBlog is authorized by the editors of “The Theosophical Movement”.

Ein Gedanke zu „[Archiv-Auswahl] Wozu Religionen? (IS RELIGION NECESSARY?)

  1. “The greatest tragedy in mankind’s entire history may be the hijacking of morality by religion.”

    Arthur C. Clarke
    Die Heilige Schrift ist eine besondere Form von Science-Fiction: die Extrapolation auf der Technologie der Makroökonomie. Wird sie über einen zu langen Zeitraum von Moralverkäufern missbraucht, kommt es zur größten anzunehmenden Katastrophe:
    deweles.de

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